
AUF
ERMÜDUNGSERSCHEINUNGEN überprüft der Physiker Alain Kounga am
Fachbereich für Material- und Geowissenschaften der Technischen
Universität Darmstadt eine Kraftstoff-Einspritzdüse aus Piezokeramik
mit Hilfe minimaler elektrischer Signale. (Foto: Christian Meier)
Der Tintenstrahldrucker
versagt nach 5000 Seiten. Der Akku des Laptop verabschiedet sich nach
zehnmaligem Aufladen. Was Verbraucher ärgert, nennen Techniker
elektrische Ermüdung. Deren Hintergründe wollen Materialforscher der TU
Darmstadt verstehen.
Die Vision der Wissenschaftler vom Fachbereich Material- und Geowissenschaften sind Werkstoffe, die nicht ermüden.
Ähnlich wie den
Tintenstrahl im Drucker steuern „Piezokeramiken“ die
Treibstoff-Einspritzung in Automotoren-Zylinder. Piezokeramik dehnt
sich aus, sobald man eine elektrische Spannung anlegt – so lassen sich
Ventile elektrisch steuern. „Ein Piezo ist ungeheuer schnell“, sagt
Jürgen Rödel, Professor am Fachbereich Material- und Geowissenschaften.
„Er reagiert innerhalb
hundert Millionstel Sekunden.“ Dies erlaubt mehrmaliges Einspritzen
während eines Verbrennungszyklus, was die Entstehung von Rußpartikeln,
Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen um 90 Prozent und den
Treibstoffverbrauch um fünf Prozent reduzieren kann.
Treibstoff-Einspritzdüsen
aus Piezokeramik enthalten Blei und Metallkontakte, die schichtweise
eingebettet sind. Mit zunehmender Betriebsdauer nimmt die Ausdehnung
der Keramik und damit die Einspritzpräzision ab.
Materialwissenschaftler suchen Materialien, die ohne giftiges Blei
auskommen und dabei dauerhafter sein sollen.
„Piezo-Ventile müssen eine
Milliarde mal öffnen und schließen, ohne ihr ursprüngliches Verhalten
zu ändern“, sagt Rödel. Dazu muss der Werkstoff so gestaltet werden,
dass im Betrieb möglichst wenig mikroskopische Schäden auftreten. Die
Forscher greifen dazu in die Kristallstruktur der Keramik ein, aber
auch in größere Strukturen, etwa indem sie die optimale mechanische
Verspannung zwischen den Keramik- und Metallschichten ermitteln.
Die Gestaltung des Gefüges
zweier Materialien erlaubt das Design von Eigenschaften: Um die
Bruchfestigkeit zu erhöhen, setzt man auf ein „Durchdringungsgefüge“:
Wenn Metall die Keramik durchdringt wie Wasser einen Schwamm, können
sich Risse darin nicht fortpflanzen.
Zum Entwicklungsprozess
gehören die Charakterisierung der Materialien und ihre Simulation in
Computermodellen. Diese Aufgaben könnten nur durch fachübergreifende
Zusammenarbeit geleistet werden, sagt Rödel.
Im geplanten
Exzellenzcluster „Multiscale Engineering – perfektionierte Werkstoffe“
der TUD, für den Rödel spricht, ist deshalb die Vernetzung der
Fachbereiche Material- und Geowissenschaften, Physik, Chemie, Biologie,
Bauingenieurwesen, Elektrotechnik, Maschinenbau vorgesehen. Geplant ist
unter anderem ein zentrales Charakterisierungs-Zentrum, in dem
Mitarbeiter dieser Fachbereiche gemeinsam forschen.
Ziel des Clusters ist die
Entwicklung von neuen Materialien und Technologien für Sensoren,
Aktoren, Kommunikations- und Energietechnik. Zu den Visionen gehören
effiziente Solarzellen und hochempfindliche Umweltsensoren.
„Es gibt sehr viele
Querverbindungen zwischen den einzelnen Arbeitsgebieten und -gruppen im
geplanten Cluster“, sagt Thomas Walther, Professor am Institut für
Angewandte Physik und Mit-Koordinator des Exzellenzclusters. Seine
Arbeitsgruppe beschäftigt sich unter anderem mit der Anwendung von
Lasern für Umweltsensoren.
Cornelia Lengler und
Edgardo Deza entwickeln einen Sensor für Stickstoffmonoxid, der ein
Molekül des Umweltgiftes unter einer Million Molekülen eines
Gasgemisches aufspürt. Der Sensor soll zur Kontrolle der Abgase von
Kraftwerken eingesetzt werden, um deren Effizienz zu erhöhen und den
Stickstoffmonoxid-Ausstoß zu verringern.
„Das Ziel ist, im Abgas
in Echtzeit zu messen, um den Stickstoffmonoxid-Ausstoß zu minimieren“,
sagt Deza. Herzstück seines Versuchsaufbaus ist ein Kristall aus
Bariumborat (BBO). Auf den Kristall lenkt er das Licht eines blauen und
eines grünen Lasers. Im Kristall überlagern sich die Strahlen so, dass
sich ihre Frequenzen addieren.
Ein Laserstrahl
ultravioletten Lichts verlässt den BBO-Kristall. „Das System ist sehr
schwierig zu justieren“, sagt Deza. Dutzende von Spiegeln und Linsen
lenken die Strahlen auf den Kristall. Da unter allen Abgasen nur
Stickstoffmonoxid Licht dieser Wellenlänge absorbiert, kann es in
kleinsten Spuren nachgewiesen werden.
Auch beim Versuchsaufbau
von Kai Schorstein und Alexandru Popescu steht ein Kristall im
Mittelpunkt: Die Physiker lenken infrarote Laserstrahlen hoher
Intensität auf den Kristall, der daraus sehr effizient grünes
Laserlicht macht. Das System soll zur Messung der Wassertemperatur der
Ozeane aus der Luft eingesetzt werden.
Flexible Kunststofffasern
verstärken das Licht, damit es 100 Meter tief ins Wasser eindringt. Der
Laser-Sensor soll die Wassertemperaturen auf ein Zehntel Grad genau
messen, dabei große Ozeanflächen in kurzer Zeit erfassen.
Die Daten könnten unter
anderem zur Vorhersage von Hurricane-Routen und zu Klimastudien dienen.
Die Entwicklung des Sensors wird dadurch erschwert, dass er in
vibrierenden, schwankenden Hubschraubern arbeitsfähig sein muss.
Den Transfer der
Ergebnisse aus dem Exzellenzcluster „Multiscale Engineering“ in die
Industrie soll ein Transferzentrum erleichtern. Firmen, die sich daran
beteiligen, werden im Exzellenzcluster Beratungsfunktion und
Zugriffsrechte auf dessen Ergebnisse haben, sagt Jürgen Rödel. 30
Firmen wurden angeschrieben. |